«Alte» im Krisenmodus

Krisenerfahrung
Bei allem Verständnis für die ausserordentliche Situation bezüglich des Coronavirus entsteht der falsche Eindruck, dass wir «Alten» als Risikogruppe aus Sicherheitsgründen nicht mehr am öffentlichen Leben teilnehmen sollen. Im Gegenteil, wir sind krisenerprobt und gerne bereit dort auszuhelfen wo Engpässe entstehen. Die sogenannte Spanische Grippe forderte zwischen 1918 und 1920 weltweit schätzungsweise bis zu 50 Millionen Todesopfer. Soweit wird es hundert Jahre später hoffentlich nicht kommen, doch niemand weiss das ganz bestimmt. Auf Grund der Globalisierung sind die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie hingegen bereits schmerzlich spürbar. Als Segen präsentiert sich da das Internet mit seinen Möglichkeiten der orts- und zeitunabhängigen Teilhabe. Die erzwungene «Entschleunigung» ist sicher ein guter Moment, sich auch Gedanken zur rasanten Verbreitung von ebenfalls gefährlichen Computerviren im Netz zu machen.

Arbeiten von zuhause
An dieser Stelle ist es auch wichtig anzuerkennen, dass die Arbeit von zuhause in erster Linie ein Luxus ist. Viele Menschen haben diese Option nicht, was in Zeiten prekärer Gesundheitsversorgung und sich schnell ausbreitender Krankheiten besonders besorgniserregend ist. Dazu haben die Behörden «soziale Distanzierung» (Abstand halten) als einen Weg zur Bekämpfung der Weiterverbreitung empfohlen. Bisher bedeutete dies für viele Firmen die Absage von Konferenzen oder Geschäftsreisen. Unternehmen haben nun den nächsten logischen Schritt unternommen und bitten die Mitarbeitenden, wann immer möglich von zuhause aus zu arbeiten. Arbeiten von zuhause bedingt von den Betrieben jedoch klare Vorgaben, eine entsprechende Firmenkultur, flache Hierarchien und Vertrauen in die Mitarbeitenden. Für uns «Alte» ist «Home-Office» auch ohne Katastrophenszenario ein Glücksfall. Unkompliziert und kurzfristig greifen wir dort wo wir gebraucht werden unter die Arme. Beim Arbeiten von zuhause gilt es jedoch einige Regeln zu beachten.

Arbeiten Sie nicht im Pyjama
Brian Barett, Redaktor des amerikanischen Magazins «Wired», beschreibt in seinem Essay vom 3. März 2020, welche Vorteile Home-Office hat. Und welche Nachteile. Einer der Tipps, die Barett denjenigen gibt, die sich mit Arbeiten in Wohn- und Schlafzimmer noch nicht auskennen, lautet: «Arbeiten Sie nicht im Pyjama.» Brian Baret, der fast ein Jahrzehnt lang «aus der Ferne» arbeitet sagt: Es ist nicht einfach. Man muss sich einige Grenzen setzen, auch um sein Selbstbewusstsein nicht zu verlieren. Zwar kann man in seinen eigenen vier Wänden jede gewünschte Musik so laut abspielen wie man möchte und muss sich nicht über die störenden Telefonate seiner Mitmenschen ärgern. Auch fällt das ebenfalls als gefährlich eingestufte Pendeln zum Arbeitsort mit dem öffentlichen Verkehr weg. Doch gerade wegen dieser Privilegien gilt es, einen gewissen Grad an Professionalität zu wahren. Es ist eine Falle, aus dem Bett zu rollen und sich im Schlafanzug zum Laptop zu begeben oder vielleicht gar nicht erst aufzustehen. Damit verletzt man eine Grundregel: Grenzen setzen. Auch zuhause gilt: Sich zur Arbeit anziehen und somit auf den Tag vorzubereiten, sonst beginnt der Tag nie wirklich.

Heimbüro
Daneben muss man sich wie jeden anderen Tag im Büro verhalten, abzüglich des Büroteils, dann ist man auch jederzeit für Videokonferenzen oder Besuche vorbereitet. Dazu gehört auch ein dedizierter Arbeitsplatz der aufgeräumt sein sollte, nicht die Couch oder ein Futon. Ein abgeschlossenes Büro ist nicht zwingend, aber ein Tisch, wo der Laptop und die Unterlagen ihren Platz finden, das hilft beim Fokussieren. Auch ich arbeite seit vielen Jahren mit dem Laptop am übergrossen Küchentisch meiner Industrieloft. Das macht es wahrscheinlicher, tatsächlich Dinge zu erledigen, wenn ich anwesend bin, aber genauso wichtig ist, dass die Verbindung getrennt ist, wenn ich nicht zuhause bin. Vollzeit-Remote-Arbeitende können in Ihrer Steuererklärung einen Betrag äquivalent der Quadratmeter benutzter Bürofläche für Heimarbeit von der Miete abziehen.

Rituale, Abwechslung und Spielraum
Langes Sitzen ist für unsere Gesundheit schädlich und für den Geist betäubend, wenn man die ganze Zeit auf dieselbe Wand oder dasselbe Fenster starrt, trotz Musik im Hintergrund. Bei Heimarbeit fehlt eine gewisse Zeit zum Dekomprimieren, Pendeln übernimmt normalerweise diese Funktion. Jeden Tag verbringe ich deshalb mindestens zwei Stunden draussen, respektive in einem Café. Es ist ein Szenenwechsel, eine gute Ausrede, um frische Luft zu schnappen, und bietet ein kleines Stück menschlicher Interaktion oder, aus Coronavirus-Abstands-Gründen, die Möglichkeit in anderer Umgebung die (Papier-)Zeitung zu lesen. Auch beim Arbeiten zuhause sind gewisse Rituale wichtig, wie das Einhalten von Ruhezeiten, der Besuch im Yogastudio oder die Verabredung mit Freunden, für die man an bestimmten Wochentagen zu einer bestimmten Zeit das Haus verlassen muss. Alltagsstrukturen sind wichtig für unser Selbstbewusstsein.

Vergessen in der Leere
In Tat und Wahrheit besteht die grössere Sorge bei der Fernarbeit darin, dass man vergessen wird. Man verpasst unweigerlich die spontanen Besprechungen und Nebengespräche, die aus kleinen Ideen grosse Projekte machen. Ich kommuniziere deshalb gerne und oft über Email und nutze die sozialen Medien um meine Interessen zu verfolgen. Das hat den Vorteil, dass ich das Gegenüber nicht, wie beim Telefonieren, bei der Arbeit störe. Das Niederschreiben von Gedanken hat zwar seine Grenzen, zwingt aber auch zur Reflexion. Es wird nie dasselbe sein wie nach der Arbeit ein Bier zu trinken, aber es hilft, die Leute daran zu erinnern, dass ich nicht nur draussen in der Leere bin. Und wenn sich aus dieser Kommunikation ein Projekt entwickelt, greife ich gerne zum Telefon oder verabrede mich persönlich zum Kaffee.

Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator kompetenz60plus

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