Angst als schlechter Ratgeber

Tod und Schrecken, Angst ist ein schlechter Ratgeber
10’382 Schritte zeigt die App auf meinem Smartphone nach dem Spaziergang vom letzten Sonntagmorgen. Bei schönstem Aprilwetter musste ich raus, sonst kommt der «Lagerkoller». Dabei spreche ich mit niemandem und halte Abstand, man weiss ja nie. Parkanlagen, Promenaden und öffentliche Toiletten sind geschlossen. Ich versuche die Hauptverkehrsachsen zu meiden und auf den Trottoirs unter blühenden Baumalleen den Velofahrern auszuweichen. Ob wir mit dem Aufruf «bleiben Sie zu Hause» vielleicht auch nicht sehen sollten, wieviele kleine Geschäfte, zum Beispiel die Weinhandlung an der Ecke, nicht nur geschlossen sondern bereits geräumt sind? Das schon nach drei Wochen verordnetem Lockdown. Ganz neu ist für uns «Alte» die gegenwärtige Situation nicht, wenn auch die Härte der Massnahmen alles Bisherige übertrifft: Notstand, Mobilmachung, geschlossene Grenzen. Jede Generation durchlebte schwierige Zeiten und passte sich an. Die mediale Hochstilisierung im 2020 macht jedoch alles etwas schlimmer, man fokussiert auf «Tote» und Schreckensszenarien in der Berichterstattung. (Siehe dazu NZZ Standpunkte vom 5. April 2020 mit Reiner Eichenberger, Eric Gujer und Katja Gentinetta)

«Le Boléro» von Maurice Ravel 1928, Orchestre national de France, Bild: Youtube 29.3.2020

«Alte» und die digitale Transformation
Aber auch Positives ist zu vermelden: Endlich ist sie da, die digitale Transformation. Dank einem furchtbaren Virus. Schon nach nur zwei Wochen kam der Wandel hin zur digitalisierten Gesellschaft mächtig in Fahrt. Zeitungen lesen wir auf dem Smartphone, Bargeld meiden wir, jegliche Form von Unterricht, von der Mathematiknachhilfe über Theaterworkshops bis hin zur Querflötenstunde – alles findet an Bildschirmen statt. Im Geschäftsleben haben wir längst eine neue «Normalität» erreicht. Nicht einmal mehr der gute alte Anruf über Festnetztelefon oder Handy findet mehr statt, sämtliche Aktivitäten haben sich in virtuelle Meetingräume verlagert. Auch wir «Alten» lernen unter «Gefechtsbedingungen» diese, für viele von uns noch völlig neuartige Arbeitswelt kennen, wenn wir es dann zulassen, mit erfreulichen Resultaten. Das Orchestre national de France spielt zusammen, von zu Hause, «Le Boléro» 1928 von Maurice Ravel, zu sehen auf Youtube.

Lehren aus der Krise
In seinem Bericht in der NZZ vom 04.04.2020 «Ein Virus aus China zeigt, wie leicht Demokratie, Sozialsysteme, Wirtschaft und Gesundheitswesen zu erschüttern sind. Die Schweiz muss die richtigen Lehren aus der Corona-Krise ziehen.» beschreibt Michael Schoenenberger in Analogie, wie die Seile, die das Schweizer Zelt festhalten, festgezurrt werden müssen, damit dieses beim nächsten Sturm nicht noch einmal davonfliegt. Denn dieses Virus und das notwendig gewordene Krisenmanagement werden Wirtschaft, Gesellschaft und Staat langfristig beschäftigen: Konkurse, Arbeitslosigkeit, ausbleibende Nachfrage, wegfallende Investitionen, Verschuldungsprobleme, belastete Sozialsysteme, Unklarheiten im Rechtswesen, Verwerfungen im privaten Bereich, Kinder und Jugendliche mit schulischen Lücken – die Liste könnte noch ergänzt werden. Weil die Lage so dramatisch ist und weil staatlicher Sukkurs für Unternehmen endlich ist, müssen gesamtwirtschaftliche Überlegungen stärker in die Entscheide einfliessen. Es darf kein zweites Mal passieren, dass ein zwar hochansteckendes, aber für die grosse Mehrheit der Bevölkerung ungefährliches Virus derart negative Folgen für Demokratie, Wirtschaft, Sozialsysteme, Gesundheitswesen und Gesellschaft, inklusive die Stigmatisierung von uns «Alten», zeitigt.

Resilienz auch in der Privatwirtschaft vorantreiben
Die Corona-Krise zeigt die diversen Schwachstellen im Staat auf. Die Schweiz hat zu wenig Testkapazitäten, zu wenig validierte Labors, eine mangelhafte digitale Kommunikation oder schnell schwindenede Lagerbestände. Die Erkenntnis muss sich durchsetzen, dass auch ein wohlhabender Staat relativ rasch an seine Grenzen kommt. Für die Zukunft braucht es deshalb eine bessere Vorbereitung auf Epidemien, Cyberangriffe oder zum Schutz von Infrastrukturen wie die Stromversorgung. Auch das Funktionieren der Sozialsysteme ist natürlich nicht gottgegeben, die Institutionen müssen finanziert sein. Vor allem die Privatwirtschaft hat ein Problem. Es kann ja wohl nicht sein, dass eine derart grosse Anzahl kleiner und mittlerer Unternehmen nach so kurzer Zeit bereits vor dem Ruin steht und beim Staat anklopfen muss. Ganz offensichtlich lebt ein grosser Teil der sonst so hoch gepriesenen Schweizer KMU-Wirtschaft von der Hand ins Maul, von einem Monat zum nächsten. Es kann und darf nicht sein, dass der Staat mit den Steuergeldern von uns allen geradesteht für Selbständige, die schlecht aufgestellt sind oder Schulden zu begleichen haben. Da haben auch viele von uns «Alte» versagt. Wenn wir die Zügel schleifen lassen, erfüllen wir unseren Teil des Generationenvertrags nicht genügend.

Ältere sind in der Pflicht
Mit dem Alter kommt auch eine gute Portion Weisheit, ältere Menschen haben mehr Kraft, mit Druck umzugehen, und können ihn durch ihre Erfahrungen abfedern. Wir «Alten» wurden in den vergangenen 40 Jahren mit tiefgreifenden Veränderungen konfrontiert. Als Gesprächspartner verfügen wir deshalb über die notwendige Empathie für die Ängste in Krisenzeiten. Im Team zusammen mit den, auf Katastrophen oft schlecht vorbereiteten, «jungen Wilden», hilft unser Wissen um die Mechanismen der analogen Techniken auch bei der digitalen Umsetzung von Massnahmen. Gefragt sind dieser Tage hohe Selbstverantwortung, Flexibilität und Empathie. Bodenständigkeit und weniger Anglizismen. Auch im virtuellen Raum festigt die Diskussion auf Augenhöhe das Vertrauen zwischen den Partnern. Der «Altersbonus» erlaubt uns, ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten, in der Entscheidungsfindung weniger populäre Meinungen zu vertreten. Trotz Pandemie sind wir «Alten» in der Pflicht. Hören Sie mehr dazu im Podcast vom 6. April 2020 (3:08′) auf Radion Zürichsee.

Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator kompetenz60plus

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