COVID-19 als Chance

Positive Auswirkungen auf die Zeit nach der Pandemie
In der Schweiz sind wir geschätzte zwei Millionen «Alte» die sich über die nächsten Wochen und vielleicht Monate besonders «schützen» sollen. Als alter Mensch bin ich zwar gesund, muss aber Hemmungen haben, bei schönstem Frühlingswetter täglich an die frische Luft zu gehen. Die bundesrätlich suggerierte Trennung von Alt und Jung passt mir überhaupt nicht. Meine verschiedenen Projektpartner erreiche ich natürlich wie eh und je über Internet von zuhause dank fortschrittlicher Technologien. Internetbrowser wie wir sie heute noch nutzen, gibt es seit 1991 (Netscape – heute Firefox), dazugekommen ist der Austausch von Daten in der «Wolke». Aber erst die Pandemie eignet sich wohl, um die letzten Zweifler meiner Generation von deren Vorteilen zu überzeugen und Vorurteile abzubauen. Soziale Medien sind, wie es der Name sagt, äusserst geeignet um soziale Kontakte zu pflegen. Home-Office ist ebenfalls einfach umsetzbar, nur haben viele von uns den Umgang mit diesen Werkzeugen nie gelernt, darunter auch viele Lehrpersonen. Es braucht ein paar Tage Eingewöhnungszeit, etwas Hilfe von «alten Füchsen» und den Willen, Neues anzupacken – oder was machen wir sonst in dieser Quarantänezeit.

Förderung der Digitalisierung
Auch Videokonferenzen funktionieren gut, sind aber auf lange Sicht kein Ersatz für den persönlichen Austausch im professionellen Umfeld. Für das Arbeiten im Team von zuhause gibt es unzählige Plattformen, die allermeisten basieren auf Vertrauen unter den Team-Mitgliedern, Information ist wichtiger als hierarchisches Denken. Natürlich riskiert man die Geheimhaltung (wie das Beispiel Apple zeigt, wo Mitarbeitende Insiderinformationen verbreiten), aber das scheint mir ganz allgemein eine Frage der Firmenkultur zu sein. Der Bundesrat müsste sich daher für die Förderung der Digitalisierung stark machen, die ausserordentliche Lage als Chance für die Zeit nach der Pandemie erkennen, nach vorne schauen anstatt nur zu reagieren. Leider fehlt es dort, wie auch an den meisten Schulen an digitaler Kompetenz und den entsprechenden Konzepten.

Mangel an Erfahrung
Luzi Bernet, Chefredaktor der NZZ am Sonntag, in seiner Mail vom 11. März 2020 zum Thema «Home-Office», dem Arbeiten von zuhause: «Zu Hause, daheim, in den eigenen vier Wänden: Das alles erhält in diesen Tagen eine neue Bedeutung. Oder eine alte – wie man’s nimmt!» Bis zur Industrialisierung gehörten Wohn- und Arbeitsort zusammen. Man lebte und arbeitete unter einem Dach, mit allen Vor- und Nachteilen. Dann trennten sich die Sphären auf. Die Väter machten sich morgens auf den Weg in die Fabrik und ins Kontor, zu Hause kümmerten sich die Mütter um Heim und Hof. In neuerer Zeit verlassen alle das Haus: Mutter und Vater ins Büro, Kleinkinder in die Kinderkrippe, die anderen in die Schule. Und nun, in Zeiten von Corona, kommt alles wieder zusammen. Home-Office ist angesagt, also daheim arbeiten – die räumliche Trennung fällt weitgehend dahin. In den meisten Situationen des Lebens hat man ja einen Referenzwert, entweder aus Erfahrung oder angelerntem Verhalten. Aber in diesem Fall haben viele absolut nichts, null. Wir sind gezwungen uns schnellstmöglich digital zu ertüchtigen.

Investitionen in die Digitalisierung zahlen sich aus
Jochen Christ & Simon Harrer erläutern in ihrem Beitrag auf heise.de vom 13. März 2020 wie man erfolgreich von zuhause arbeiten kann. In vielen Firmen arbeitet man seit Jahren von «unterwegs» und kennt die Fallstricke. Die relevanten Informationen und Unterlagen wie Verträge oder Pläne müssen elektronisch von überall jederzeit zugänglich sein und die Prozesse digitalisiert sein. Wenn wichtige Dokumente nur im Aktenordner abgeheftet sind, ist eine dauerhafte Arbeit im Home-Office nicht effizient möglich. Bisherige Investitionen in die Digitalisierung zahlen sich in Krisenzeiten zusätzlich aus. Letztlich gibt es zwei grundsätzliche Möglichkeiten der Zusammenarbeit: synchron und asynchron. Ein wichtiges Werkzeug für die synchrone Zusammenarbeit im Home-Office sind Videokonferenzen. Diese sind gegenüber Telefonkonferenzen unbedingt zu bevorzugen, da Präsenz, Gestik und Mimik zu einer effektiven Kommunikation dazu gehören – auch wenn die laufende Webcam für die Einzelnen anfangs gegebenenfalls als unangenehm empfunden wird. Wir «Alten» bevorzugen oft die asynchrone Arbeitsweise wie Email, welche situationsbedingt an unseren Tagesablauf angepasst werden kann. Der Wechsel zur Fern-Arbeit erfordert für alle ein Umdenken und lässt sich nicht eins zu eins von der bisherigen Arbeitsweise im Büro übertragen.

Homeoffice – das Büro der Zukunft
Die Arbeit im Home-Office kann, wenn sie richtig angegangen wird, produktiver sein als im Büro, selbst für Teams – jedoch nur mit einem geeigneten Arbeitsplatz, der richtigen Hard- und Software sowie der passenden Arbeitsweise. Sicher ist jetzt die Zeit, das Home-Office mit dem ganzen Team auszuprobieren. Und wer weiss, vielleicht läuft das Home-Office dem Büro in Zukunft den Rang ab. Es ist sicher eine Möglichkeit «Alte» weiterhin im Arbeitsprozess teilhaben zu lassen um in Krisensituationen auf einen grossen Schatz an Erfahrung zurückzugreifen zu können. Gewisse Teams planen für jeden Arbeitstag eine kurze virtuelle Kaffeerunde zum Beispiel via Adobe Connect Breakout-Rooms. Diese Applikation erlaubt es auch, Parallelgespräche zu führen, ohne einzelne Teilnehmende bei individuellen Gesprächen zu stören. Damit können Mitarbeitende welche von zuhause arbeiten sich mit Kollegen und Kolleginnen austauschen, die vor Ort für den Grundbetrieb in einer Firma notwendig sind.

Das Leben nach Corona
Slavoj Žižek, Philosoph und Psychoanalytiker stellt fest: «Der Mensch wird nicht mehr derselbe gewesen sein: Das ist die Lektion, die das Coronavirus für uns bereithält.» Aus dem Englischen übersetzt von Helmut Reuter. NZZ vom 13.03.2020. Vor allem linke und liberale Kommentatoren haben festgehalten, dass die Coronavirus-Epidemie staatliche Massnahmen zur Kontrolle und Lenkung der Menschen rechtfertige, die in einer demokratischen Gesellschaft des Westens bisher undenkbar waren. Die Herausforderung für Europa besteht darin, zu beweisen, dass das, was China gemacht hat, auf transparentere und demokratischere Art zu schaffen ist. Der Haken dabei ist, dass die Coronavirus-Epidemie unser Zusammenleben fundamental verändern wird. Das Leben wird, selbst wenn es am Ende wieder zur Normalität zurückkehrt, auf andere Weise normal sein, als wir es vor dem Ausbruch gewohnt waren. Wir werden um diese Erfahrung reicher sein.

Werner K. Rüegger, dipl. Arch. SIA AIA
Projektadministrator und Initiator kompetenz60plus

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