Gen Z und Babyboomer: Ein Dreamteam?

«O.k., Boomer!» hört man oft höhnisch von der Generation Z und den Millennials. Das klingt mehr nach Konflikt als nach einem Dreamteam. Wie und wo passen die Jungen und die Alten also zusammen? Da, wo viele es nicht vermuten: Bei der Arbeit. Wir erklären wieso, und was das für Unternehmen bedeutet.

Die Babyboomer verabschieden sich nach und nach in den Ruhestand, das ist bekannt. Doch neu ist: immer mehr von ihnen wollen weiterarbeiten. Warum? Die Gründe sind vielfältig, aber hauptsächlich geht es um: Beruflich aktiv bleiben, Wissen weitergeben, einen Purpose haben, sich gebraucht fühlen, etwas dazu verdienen.

Von den arbeitswilligen Älteren sucht aber kaum einer eine neue Vollzeitstelle. Wieso auch? Ein bisschen den Ruhestand geniessen, Zeit mit Freunden, beim Sport, auf Reisen zu verbringen – das muss schon sein. Und dank der (noch) üppigen Schweizer Rente geht es den meisten Senioren bei der Suche nach einem Job mehr um die Sache als ums Geld.

Eine Teilzeitstelle soll es also sein. Das Spektrum ist gross, es geht von 10 Prozent bis 80 Prozent, von regelmässig jede Woche oder als Vollzeitprojekt für drei Monate. Eine Ad-Interim Geschäftsführung oder eine Springerposition bei Bedarf. Ein paar Stunden um für ein KMU den Jahresabschluss zu erstellen oder auf Provisionsbasis im Telesales. Vor Ort oder von zu Hause, am liebsten mit freier Zeiteinteilung, so dass die Arbeit nicht mit den Freizeitplänen kollidiert. Und so, dass man den Austausch mit netten Kollegen im Büro ebenso haben kann wie die Ruhe des eigenen Schreibtisches im Home Office.

Betrachtet man die gewünschten Jobmodelle genauer, finden sich überraschend viele Ähnlichkeiten mit dem, was die Gen Z auch will: Arbeit, von wo auch immer, zu selbstbestimmten Zeiten, und bitte nicht in Vollzeit. Sprich: ein maximal flexibles, hybrides und modulares Arbeitsmodell, wie es die Verfechter des «New Work» einfordern. Denn die Generation Z hat noch besseres zu tun als das Leben voll dem Arbeitsdiktat unterzuordnen. Es geht um Work-Life-Balance und um den Einsatz gegen den Klimawandel, um Purpose und um persönliche Freiheiten.

Unternehmen müssen sich umstellen

Das altbewährte und in die Jahre gekommene Vollzeitmodell, das die Mehrzahl der Unternehmen lebt und propagiert, wird also gleich von zwei Seiten angeknabbert: Von unten durch die Jüngeren, von oben durch die Älteren. Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis die Arbeitswelt sich umstellen und die modularen Arbeitsmodelle des New Work zum neuen Standard erklären muss. Schöne, neue Arbeitswelt, in der sich jeder Zeiten, Pensen und Orte so einrichtet, wie es ihm oder ihr am besten passt.

Die Unternehmen sind dabei im Zugzwang. Allüberall fehlt bereits heute das Personal, befeuert vom demografischen Wandel der alternden Gesellschaft und vom aktuellen post-pandemischen Heisslaufen der Wirtschaften auf der ganzen Welt. Der Arbeitsmarkt im In- und Ausland ist wie leergefegt, und zwar in so gut wie allen Branchen und auf allen Leveln. Kaum ein Rekruter, der nicht darüber klagt, einfach keine passenden Mitarbeiter mehr zu finden. Dass man sich in einer solchen Situation auf veränderte Bedürfnisse der regulären Mitarbeitenden ebenso einstellen muss wie darauf, mit anderen Gruppen (den Pensionären) zusammenzuarbeiten, scheint nur folgerichtig.

Generationenübergreifende Teams

Aus einer Vollzeitstelle mach drei Teilzeitstellen – in Job Sharing Modellen oder einfach mit unterschiedlichen Aufgaben. Das wird in Zukunft sein ebenso wichtiger werden wie das Auslagern von Arbeiten an Freelancer (Stichwort Gig Economy) und Kurzzeit-Einsätze von Vertretungen und Springern. Hier sind all diejenigen Mitarbeitenden besonders wertvoll, die eben nicht in einer 100 Prozent Vollzeitstelle «festhängen» und nur mit langem Vorlauf verfügbar sind. Dass all das eine Herausforderung für die Arbeitsorganisation in den Betrieben ist , ist völlig klar. Doch ein «Weiter wie Bisher» funktioniert einfach nicht.

Doch für die Unternehmen hat eine solche Umorganisation noch weitere Vorteile. Wenn Jung und Alt näher zusammenrücken und generationenübergreifende Teams die Regel werden, verbessert sich auch der Output der Teams, das ist wissenschaftlich erwiesen. Denn je diverser die Teams, desto besser das Ergebnis. Und in Zeiten, in denen D&I Initiativen immer wichtiger werden, ist eine Ausgrenzung der Alten definitiv «out».

Die Zukunft gehört den Älteren!

Allem Jugendwahn zum Trotz: den Alten gehört die Zukunft. Und es wird höchste Zeit, die Generation 60+ ernst zu nehmen. Warum? Eine Erklärung.

Die Bevölkerung altert. Das ist nicht neu. Aber jetzt, wo die 55-Jährigen bereits den höchsten Anteil an der Bevölkerung in der Schweiz ausmachen und immer mehr Babyboomer sich reihenweise in den Ruhestand verabschieden, fangen nicht wenige Unternehmen an, die bisher übersehene, belächelte und aufs Abstellgleis geschobenen Gruppe der Senioren endlich etwas ernster zu nehmen.

Getrieben ist dieser stärkere Fokus vor allem aus Eigeninteressen, allen voran von der nie dagewesenen Personalknappheit im Sommer 2022. Zur bekannten demographischen Entwicklung kommt derzeit das massive post-pandemische Wiederhochfahren der Wirtschaft – und damit die massenhafte Suche nach Personal, das während Corona eingespart wurde. Doch die Arbeitsmärkte sind wie leergefegt, und auch im Ausland können nicht genügend Bewerber rekrutiert werden. Da rücken die Älteren im Inland auf einmal auch als potenzielle Arbeitskräfte in den Blick der Unternehmen. Denn vor allem für Führungsfunktionen fehlen geeignete Bewerber:innen, so die NZZ hier.

Die jungen Alten haben noch viel vor

“Endlich!”, wird sich manch ein Senior denken. Denn angesichts der steigenden Lebenserwartung und dem hohen Lebensstandard in der Schweiz sind die jungen Alten fitter, mobiler, aktiver und digitaler denn je zuvor. 60 ist das neue 40, hört man oft. Denn vom geruhsamen Alter, von Rollator und Pflegeheim sind sie weit entfernt. «Ich langweile mich doch, wenn ich nur zu Hause sitze», sagt beispielsweise Remo U., 65, seit einem halben Jahr pensionierter Buchhalter aus Zürich. Und damit steht er nicht alleine da. Gerade die 60- bis 75-Jährigen möchten weiterhin eine Aufgabe haben, ihre Erfahrungen weitergeben, und damit auch sich selbst etwas Gutes tun. Denn – und das ist wissenschaftlich erwiesen – wer sich in zunehmendem Alter weiterbildet, neugierig und geistig fit ist, bleibt gesünder und kann somit auch mehr zum Arbeitsmarkt beitragen.

Auch wenn unsere Gesellschaft nach wie vor in einem regelrechten Jugendwahn lebt, ist Alter für beruflichen Erfolg keineswegs ein Nachteil. Das Gegenteil ist vielmehr der Fall, so zahlreiche Studien (beispielsweise in der HBR). Denn Wissen und Erfahrung, die Haupttreiber für Job-Performance, steigen mit dem Alter, sogar bis über 80. Kein Wunder, dass alle Welt mit Hochachtung auf Warren Buffet, den inzwischen 92-Jährigen Starinvestor aus den USA blickt, oder dass nur zwei der 46 US-Präsidenten am Ende ihrer Amtszeit unter 50 waren. Konrad Adenauer, erster deutscher Bundeskanzler und prägende Figur einer ganzen Ära, war bei seinem Rücktritt 87.

Beim Erlernen neuer Dinge gibt es ausserdem kein Alterslimit. Die 70-Jährigen sind offener als die 20-Jährigen, war erst kürzlich in der NZZ zu lesen, auf Basis einer Studie des Gottlieb Duttweiler Instituts (hier). Und wer hätte es gedacht, Start Up Gründer sind umso erfolgreicher, je älter sie sind.

Unternehmen müssen sich umstellen

Was hält Betriebe in der Schweiz also noch davon ab, mehr mit den Älteren zu arbeiten? Genügend motivierte Bewerber gibt es auf jeden Fall, allein die Online-Jobplattform seniors@work hat über 10’000 Kandidaten in der Datenbank. Oft sind bei den Unternehmen die Strukturen jedoch noch nicht darauf ausgelegt, Mitarbeitende zu beschäftigen, die etwas anderes suchen als eine klassische Vollzeitstelle. Doch genau darauf drängen die Pensionierten – Teilzeit in jedweder Form, idealerweise in hybriden Arbeitsmodellen mit Home-Office und freier Zeiteinteilung. Doch damit stehen sie nicht allein. Auch die Generation Z und die Millennials bevorzugen diese neue Art des Arbeitens – Stichwort «New Work». Daher ist der Wandel wohl nur noch eine Frage der Zeit.

Pensionäre sind auch Kunden

Doch nicht nur als Mitarbeitende, auch als Käufergruppe werden die Senioren immer relevanter für die Wirtschaft. Denn mit der steigenden Lebenserwartung, der (noch) guten Rente, beziehungsweise zukünftigen zusätzlichen Löhnen im Pensionsalter, wird die zahlungskräftige Klientel der über 60-Jährigen immer grösser.

Zielgerichtete Angebote für die Älteren können dabei noch deutlich ausgebaut werden, zumal die «Senioren» ja eine sehr grosses Segment sind, die um die 30 Jahre umspannen. Dementsprechend unterschiedlich sind ihre Interessen und Bedürfnisse. Und mit Produkten und Dienstleistungen allein ist es nicht getan. Vielmehr könnten die älteren Kunden auch von  Leuten in ähnlichem Alter betreut werden – egal ob im Verkauf, in der Beratung, oder beim Telefonsupport.

Am Ende also schliesst sich der Kreis: weder auf Mitarbeiter- noch auf Käuferseite kommt man in Zukunft an den Alten vorbei!

Start Ups meet Seniors

Start Ups meet Seniors – Rückblick auf unser 2. Start Up Speeddating vom 18.5.2022

Start Ups und Senioren, wie geht das zusammen? Wir bei seniors@work wissen: das passt ganz hervorragend! Schon zum zweiten Mal haben wir im Mai 2022 ein Speeddating Event organisiert, bei dem wir Start Up Gründer mit pensionierten Führungskräften zusammengebracht haben. Wie bei einem echten Speeddating hatten alle Teilnehmer jeweils nur ein paar Minuten Zeit mit ihrem Gegenüber, bevor sie zum nächsten Gesprächspartner weiterziehen mussten.

Gar nicht so einfach, die Diskussionen zu unterbrechen und die von einem Tisch zum nächsten zu manövrieren! Aber das zeigt: alle Seiten hatten sich viel zu sagen und zu fragen.

Die pensionierten Führungskräfte, allesamt Mitglieder der seniors@work Community, waren sehr hochkarätig vertreten. Neben den ehemaligen CEOs von homegate.ch, Volg, der Basler Kantonalbank, Microsoft Schweiz und Nokia Schweiz standen auch eine Reihe von Personalfachleuten, Coaches sowie Sales- und Digital-Fachleuten den Gründern zur Seite. Sie fanden den Austausch mit den Gründern sehr spannend. «Es ist toll zu sehen, mit welchen Ideen und welcher Tatkraft die Start Ups zu Werke gehen. Und dass wir da mit unseren Erfahrungen mithelfen können, die Unternehmen weiter nach vorne zu bringen, ist eine tolle Sache!», fasste einer der Sparringspartner den Abend zusammen.

Von Start Up Seite waren elf Gründer da, die Insights von unseren pensionierten Führungskräften zu Themen wie Geschäftsentwicklung, Wachstum, Kundenakquise, Marketing, Leadership, etc. bekamen. Das Spektrum war breit gefächert, neben einigen ImmoTech Firmen waren die Themen Health, New Work und Sharing Economy gut vertreten – vom Desk Sharing am Arbeitsplatz bis zum Mietmodell für Babykleidung. «Besonders hilfreich waren die Einschätzungen der Sparringspartner zum Marktangang, was funktioniert, und was nicht», so einer der Gründer. Und natürlich war auch deren Netzwerk in der Branche gefragt.

Dass das Event ein voller Erfolg war, wurde auch beim anschliessenden Apéro klar: Es wurde viel geredet, herzlich gelacht, und alle diskutierten in informeller Runde (und mit einem kühlen Getränk) noch lange weiter – es wurde spät, trotz der sommerlich heissen Temperaturen!

Wer beim nächsten Start Up Speed Dating dabei sein will, kann sich hier auf die Warteliste setzen:

Bei dieser Runde dabei waren:

Pensionierte Sparringpartner:

  • Heinz M. Schwyter, ehem. CEO homegate.ch
  • Ferdinand Hirsig, ehem. CEO Volg, ehem. VRP Landi
  • Guy Lachappelle, ehem. CEO Basler Kantonalbank
  • Peter Waser, ehem. GL Microsoft Schweiz
  • Iris Lentjes, HR Expertin & Coach, ehem. GL diverse Firmen
  • Peter Wyss, PWP – Start Up / KMU Unterstützung
  • Jürg Hofer, ehem. GL Nokia, Start Ups, Gamification
  • Hermann Willaredt, ehem. Deutsche Bank, Finanzexperte und Unternehmensberater
  • Erica Maurer, ehem. Personalchefin WorldVision
  • Marianne Högstedt, ehem. GL Skyguide, HR Beraterin
  • Andre Schmid, Sales & Business Development, IT/IS

Start Ups / Gründer

  • Deski, Lionel Ebener
  • flat Flip, Markus Kollmayer
  • Health.Yourself, Anna Rosenkrantz
  • Healthy-Longer, Roland Pfeuti
  • Job.Rocks, Fabio Donnaloia
  • Joineer, Meret Hottinger
  • Miniloop, Anne Voigt
  • Novu Office, Falk Weber
  • Sparkademy, Celine Heim
  • Who is Nik, Simone Alabor
  • Zario, Ondrej Zak

 

Erfolgsstory: seniors@work verbindet Ex-CEO von Microsoft Schweiz & Start Up

Von Annette Ehrhardt, seniors@work

Peter Waser, der ehemalige Länderchef von Microsoft Schweiz und CEO von Starmind, ist seit einigen Jahren verstärkt in der Start Up Welt unterwegs, engagiert sich in zahlreichen Projekten und hat daneben mehrere VR-Mandate inne. Auch bei seniors@work ist er seit einiger Zeit Mitglied – von Ruhestand also keine Spur!

«Ich fühle mich so als 66-Jähriger noch gebraucht, und es macht mich froh, jungen Menschen meine Erfahrung weitergeben zu können», sagt Peter Waser zu den Hintergründen für sein breites Portfolio an Aufgaben bei den verschiedenen Start Ups. «Es ist ein tolles Gefühl, ein junges Unternehmen beim Start zu unterstützen und zum Erfolg zu führen.»

Über seniors@work hat ihn beispielsweise ein Start Up im Ausbildungsbereich gefunden, und die Zusammenarbeit ist eine Win-Win-Situation für beide Seiten. Peter Waser: «Hier kann ich meine Erfahrung im Aufbau eines jungen Unternehmens einbringen und partnerschaftlich ein solides Geschäftsmodell mitgestalten. Das Start Up ist noch selbstfinanziert, und ich leiste im Moment meinen Beitrag pro Bono. Ich finde, dass ich der jungen Gründerin nicht ihr hart verdientes Geld und Startkapital aus der Tasche ziehen sollte. Wenn das Unternehmen in wenigen Monaten Umsätze erzielt, werden wir das Arrangement neu besprechen. Bis dahin – und auch darüber hinaus – hält mich dieses Engagement auf Draht und ist eine gute Ergänzung zu meinen anderen Projekten und Mandaten.»

Obwohl das Finden von passenden (Teilzeit-)Tätigkeiten ist für pensionierte Fach- und Führungskräfte trotz aller Lebenserfahrung und Flexibilität nicht immer einfach ist, ist Peter Waser von der Job-Plattform seniors@work überzeugt: «Wer sich gesund fühlt und über Lebens- und Berufserfahrung verfügt, ist gesucht. Und unsere Wirtschaft und unser Lebensstandard brauchen alle Hände und jeden Kopf!»  

 

Graue Panter gegen den Fachkräftemangel – ist das die Lösung?

Von Annette Ehrhardt, seniors@work, und Nicole B. Stucki, HR Director Selecta Schweiz

Passende Mitarbeitende zu finden, insbesondere erfahrene Fachkräfte, wird immer schwieriger. In der Diskussion um Lösungen wird ein Potenzial meist übersehen: mit pensionierten 60-75-Jährigen zu arbeiten und so den immensen Erfahrungsschatz der älteren Generation zu nutzen.

Bei Fachkräftemangel denken viele an Softwareentwickler, Web- und IT-Spezialisten, KI-Experten, Crypto-Miner und andere sehr zukunftsorientierte Berufe – und winken direkt ab. Denn diese Aufgaben sind ganz klar nicht gerade die Kernkompetenz der über 60-Jährigen. ABER: es gibt unglaublich viele andere Bereiche, in denen die Lücken gross sind, seitdem mehr und mehr Babyboomer in den Ruhestand gehen. Nicht nur KMUs, auch Grossunternehmen spüren den Wandel am Arbeitsmarkt. Laut Nicole B. Stucki, HR Director Selecta Schweiz, ist der Arbeitsmarkt zurzeit sehr angeheizt, da viel Aufgestautes nach der Pandemie nachgeholt wird. „Gute Voraussetzungen, den Arbeitsmarkt neu zu denken!“, so die Expertin.

Doch kann das klappen? Kann man in einer Gesellschaft, die von einem regelrechten “Jugendwahn” geleitet ist, plötzlich auf die Alten setzen? Die Realität zeigt, dass es heute schon ab Anfang 50, wenn nicht gar Ende 40, schwierig wird, einen neuen Job zu finden. Tatsächlich sind die Vorbehalte gegen pensionierte Fachkräfte vor allem bei Grossunternehmen gross, und Arbeiten mit Pensionierten passt (noch?) nicht zu den bestehenden Prozessen und Gewohnheiten im HR Bereich. Auch wird die riesige Gruppe der Pensionäre, also der Leute von 60 bis weit in die 90er, noch viel zu oft über einen Kamm geschert. Dabei heisst „pensioniert“ nicht unbedingt „alt“, und für viele ist 60 das neue 40. Sind Jungpensionäre also automatisch gebrechlich, altmodisch und abgehängt? Nicole B. Stucki: „Ich höre diesen Vorwurf sehr oft und teile ihn nicht in dieser Form. Gute Dossiers vereinen Ausbildung und Berufserfahrung – und das funktioniert noch nicht in jungen Jahren. Schwierig wird es für die Älteren nur, wenn der Lebenslauf keinen roten Faden erkennen lässt.“

Bei näherem Hinsehen sprechen viele Gründe dafür, als Unternehmen die Zusammenarbeit mit den „Alten“ zu wagen. Hier sind die fünf wichtigsten:

  1. Extrem motivierte und engagierte Mitarbeitende

Wer in diesem Alter noch auf dem Arbeitsmarkt aktiv sein möchte, der will es wirklich. Denn man könnte sich auch zurücklehnen und den Ruhestand geniessen. Bei den allermeisten Schweizer:innen reichen die monatlichen Rentenzahlungen, um weiterhin gut über die Runden zu kommen. Unternehmen, die einen Pensionär anheuern, können also sicher sein, echte Begeisterung und Motivation zu bekommen. Gerade wer in exponierten Positionen gearbeitet hat, kann und will nicht von heute auf morgen von 100 auf 0 zurückfahren. Eine Aufgabe, das Gefühl gebraucht zu werden, und die Passion, das eigene Wissen und die langjährige Erfahrung weiterzugeben, sind wichtige Antriebsfedern.

  1. Flexible, schnelle Verfügbarkeit um kurzfristigen Bedarf zu decken

Pensionäre haben zwar oft viele Freizeitaktivitäten, aber sie sind nicht in anderen Arbeitsverträgen gebunden und meist spontan und schnell verfügbar. Auch sind die Allermeisten nicht an einem dauerhaften Vollzeitjob interessiert. Daher sind sie ideale Mitarbeitende, um kurzfristige Ausfälle aufgrund von Krankheit, Unfall, Mutterschaft, Ferien oder sonstigen unvorhergesehenen Ereignissen im Unternehmen abzudecken. Anders als viele Zeitarbeitende sind sie hochqualifiziert und sehr erfahren in ihrem Bereich.

  1. Diversität im Team und generationenübergreifender Ansatz sorgen für bessere Ergebnisse

Dass gemischte Teams bessere Ergebnisse liefern als homogene Gruppen, ist inzwischen hinlänglich bekannt. Das gilt nicht nur für Geschlecht, Herkunft und Ausbildung, sondern eben auch fürs Alter. So freuen sich Start Ups über Coaching und Mentoring durch ehemalige Führungskräfte, Lernende wenden sich bereitwillig an erfahrene Ältere, und die Umsicht und Lebenserfahrung der Pensionäre sind wichtige Soft Skills, von denen alle profitieren. „Das alles haben HR-Abteilungen erkannt, dennoch wird leider noch zu oft in der Rekrutierung nach jenen Profilen gesucht, die man bereits hat – anstelle von ergänzenden Profilen. Und das fördert natürlich nicht die Diversität von Teams“, so Nicole B. Stucki.

  1. Pensionäre passen perfekt zu „New Work“, „Gig Economy“ und der Generation Z.

Viele Junge suchen Alternativen zum typischen 100% Vollzeitjob. Jobsharing, 80% Modelle, Sabbaticals, Remote Work, Teilzeitarbeiten, Freelance, weniger Loyalität zum Unternehmen,… all das ist im Kommen und bereitet HR-Abteilungen Kopfschmerzen darüber, wie alle Tätigkeiten im Unternehmen zu schaffen sind. Die Arbeitswelt ist also im Wandel, und pensionierte Fachkräfte passen sehr gut in diese neue Welt. Denn sie suchen Teilzeitstellen, in der Regel 20-80 Prozent, zeitlich begrenzte Projekte oder Jobs auf Stundenbasis. Sie wollen sich nicht mehr langfristig binden und ebenso ihre Freiheit geniessen wie die Generation Z. Nicole B. Stucki: „Jede Generation bringt neue Impulse in die Arbeitswelt, und das ist auch gut so. So arbeiten heute immer mehr Männer und Frauen Teilzeit, insbesondere solange die Kinder klein sind. Ein neueres Phänomen, getrieben durch die Pandemie, ist natürlich ein hoher Anteil an Homeoffice. Neu ist aber auch, dass Leute weiterhin mehr Homeoffice machen wollen, da sie sich in dieser Zeit einen Hund oder ein anderes Haustier angeschafft haben.“

  1. Günstigere Alternative wegen niedriger Lohnnebenkosten

Last but not least rechnet sich der Einsatz pensionierter Mitarbeitender auch für Unternehmen. Denn wer das gesetzliche Rentenalter von 65 bzw. 64 Jahren erreicht hat, für den fallen keine BVG-Beiträge mehr an. Ein nicht unerheblicher Faktor in der Lohnsumme! Auch für AHV, EV, IO fallen Beiträge erst ab einem jährlichen Freibetrag an. Wer höhere Kader im Rentenalter beschäftigt, profitiert auch davon, dass es diesen Mitarbeitenden weniger ums Salär als um andere Dinge geht, so dass sie oftmals für niedrigere Löhne arbeiten als beispielsweise Mittfünfziger, die ja noch keine Rente beziehen.

 

Die Liste der Vorteile könnte man noch verlängern, beispielsweise sind ältere Mitarbeiter auch gute Verkäufer oder Kundenbetreuer für ältere Kunden – denn durch die steigende Lebenserwartung wird diese kaufkräftige Klientel auch immer interessanter. Und der gesellschaftliche Nutzen, wenn man als Unternehmen etwas gegen Alterseinsamkeit (und in einigen Fällen auch Altersarmut) tut, ist auch nicht zu vernachlässigen.

Fazit: Pensionierte Mitarbeitende sind bei weitem nicht das Allheilmittel gegen den Fachkräftemangel, aber sie können einen wichtigen Beitrag leisten. Nicole B. Stucki fasst zusammen: „Unternehmen sollten sich also ruhig einmal trauen und ihnen eine Chance geben. Wir arbeiten zum Beispiel aktuell mit einem pensionierten Headhunter zusammen und können uns nicht mehr vorstellen, ohne ihn zu arbeiten. Zum guten Glück ist der Level an Motivation und Neugierde immer noch die wichtigste Ingredienz für ein erfülltes Berufsleben, egal in welchem Alter.“

 

Auftraggeber des Monats (04/2022): Christian Witwicki, courierfactory

seniors@work: Herr Witwicki, Sie sind CEO und – gemeinsam mit Ihrer Frau – Gründer von courierfactory GmbH, einem Spezialist für Terminsendungen im Pharmabereich. Sie sind eine „Manufaktur“ mit 38 Mitarbeitern in der Schweiz und Deutschland, bei der es auf Schnelligkeit, Präzision, und einem ganz individuellen Eingehen auf jeden Kunden ankommt. Sie haben schon drei pensionierte Fachkräfte über seniors@work eingestellt, und aktuell haben Sie bei uns wieder zwei Inserate geschaltet. Wie kam es dazu?

Christian Witwicki: Ich bin selbst über 60 und es ärgert mich jedes Mal, wenn ich sehe, wie viele Firmen mit erfahrenen Mitarbeitern über 50 umgehen. Da wird so viel Potenzial, Erfahrung und auch Loyalität einfach „weggeworfen“. Das geht doch nicht! Meine Idealvorstellung ist viel mehr, Leute von 20 bis 60 in der Firma zu haben, so dass alle von unterschiedlichen Perspektiven und Lebenserfahrungen profitieren können, egal ob jung oder alt, Mann oder Frau. So wie das früher in einer Grossfamilie war – das passt auch gut zu unserem Familienunternehmen.

seniors@work: Das Thema Fachkräftemangel war bei Ihnen also weniger ein Grund, um pensionierte Bewerber einzustellen?

Christian Witwicki: Gute Mitarbeiter zu finden ist eine Herkulesaufgabe. Gerade bei einem so spezialisierten Unternehmen wie dem unserem, das 365 Tage im Jahr tätig ist, ist es nicht einfach. Es gibt auch keine Ausbildung für genau unsere Anforderungen. Wir suchen daher offene, quirlige Machertypen, die bereit sind, sich auf neue Aufgaben und Teams einzustellen. Bisher haben wir glücklicherweise durch Mund-zu-Mund-Propaganda gute Leute gefunden, aber in Zukunft wird der Fachkräftemangel durch die Pensionierung der Babyboomer-Generation uns natürlich auch deutlich stärker treffen.

seniors@work: Wie sind Sie denn auf seniors@work gekommen?

Christian Witwicki: Ich glaube, ich habe irgendwo in den Medien etwas über die Plattform gesehen, so genau kann ich mich gar nicht mehr daran erinnern. Aber da ich bereits 2020 die ersten Kandidaten von seniors@work eingestellt habe, gehört die Plattform bei mir schon zum Standard-Repertoire, wenn ich Mitarbeiter suche.

seniors@work: Das freut uns natürlich sehr! Was für Stellen haben Sie denn bisher mit pensionierten Kandidaten besetzt?

Christian Witwicki: Das ist ganz unterschiedlich, aber es geht natürlich schon um Stellen, die keine hohe körperliche Belastung mit sich bringen, sondern eher Aufgaben im Auftragseingang und in der Disposition. Aktuell suchen wir beispielsweise jemanden, der einen Bereichsleiter unterstützt und dort ein ganz neues Themenfeld aufbaut – wir brauchen also wirklich junggebliebene, aktive Personen, die offen für neue Herausforderungen sind.

seniors@work: Und vergeben Sie immer Teilzeitstellen an die pensionierten Kandidaten?

Christian Witwicki: Ja, das passt einfach am besten zu den Anforderungen der Pensionäre – und bisher haben wir immer ein Pensum gefunden, das für alle gepasst hat. In der Regel liegt es bei 50-80 Prozent. Wobei auch die jungen Leute ja heutzutage gerne 80 Prozent Stellen möchten.

seniors@work: Nicht viele Unternehmen haben schon so viel Erfahrung mit der Beschäftigung von pensionierten Fachkräften. Worauf muss man da achten?

Christian Witwicki: Als Unternehmen sollte man offen sein für die Lebenserfahrung der älteren Kandidaten. Die gelegentlich geäusserten Bedenken, dass die Älteren nicht ins Team passen, kann ich so nicht nachvollziehen, denn bei mir steht ja der generationenübergreifende Ansatz weit vorne. Natürlich muss es im Team stimmen, aber ich lasse ohnehin alle aussichtsreichen Bewerber einmal Probe arbeiten – egal wie alt! – und dann entscheiden wir im Team, ob es passt oder nicht. Auch beim Thema Digitalisierung kann man die ältere Generation nicht über einen Kamm scheren. Die 64-Jährigen von heute haben das ja vor ihrer Pensionierung auch alles miterlebt. Und wie gesagt, wer offen und lernbereit ist, kommt damit gut klar. Und was viele vergessen ist das Thema BVG: Diese Beiträge sind vor der Pensionierung ja sehr hoch, fallen nach der Pensionierung aber weg! 

 

Das Zürcher Start Up CARIFY (www.carify.me) ist mittlerweile landesweit bekannt als grösste Plattform für Auto-Abos in der Schweiz. Die Kunden können dabei nach Lust und Laune (oder Wetter und Jahreszeit) ihr Auto wechseln: Ein Cabrio im Sommer, ein SUV im Winter. Der Traum vieler Autofahrer!

Damit die Fahrzeuge auch zum Kunden nach Hause oder an seinen Arbeitsplatz kommen, braucht CARIFY zuverlässige Fahrer, die die Autos vom Händler zum Kunden bringen. In diesem Rahmen arbeitet die Plattform schon seit drei Jahren mit pensionierten Leuten von seniors@work zusammen.  «Wir haben verschiedene Varianten geprüft und sind dabei auf die Plattform seniors@work gestossen. Das Konzept hat uns überzeugt», sagt Sergio Studer, Co-Founder von CARIFY. 

«Der Kontakt zu den Garagisten, zu den Kunden, aber auch zu unserem Team, sowie die Möglichkeit, tolle Autos zu fahren, bietet den Seniorinnen und Senioren eine interessante Aufgabe, und wir schätzen diese Unterstützung und die Zusammenarbeit sehr. Die Seniorinnen und Senioren leisten eine super Arbeit und sind teilweise auch sehr interessiert, uns in weiteren Bereichen des Unternehmens zu unterstützen», meint Sergio Studer.

Cyril, Elisabeth und Marlies, drei Mitt-Sechziger, waren die ersten drei Pensionäre, die CARIFY 2020 bei seniors@work rekrutiert hatte. Aktuell (März 2022) suchen Sergio und sein expandierendes CARIFY Team weitere Fahrer über seniors@work – die Zusammenarbeit geht weiter!

 

 

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Ein Gespräch mit Alexis und Annette von seniors@work